Deutsch-Norwegisches Studienzentrum (DNSZ)

Interview mit einem katholischen Pfarrer

Mein Interview war mit dem Pfarrer Norbert Bezikhof und fand im Pfarrhaus hinter der St. Henrich Kirche statt, wo Herr Bezikhof sowohl wohnt als auch sein Büro hat. St. Henrich ist die größte der vier katholischen Kirchen in Kiel und wurde als Marinegarnisonkirche vor dem ersten Weltkrieg vom Kaiser gebaut. Nach schweren Bombenschäden während des zweiten Weltkrieges wurde sie 1948 wiederaufgebaut. Herr Bezikhof gab zu, dass die Größe der Kirche nicht der Zahl der Teilnehmer an den Gottesdiensten entspricht; Katholiken machen nur 7 % der Bevölkerung in Kiel aus und unter ihnen gehen keineswegs alle jeden Sonntag zur Messe. Die Zahl der Teilnehmer ist aber besser als der Durchschnitt in Deutschland, was vor allem rührt daher, dass viele Gastarbeiter in Kiel aus Polen kommen, wo die Bedeutung der Kirche viel größer ist als im heutigen Deutschland.
Thema des Interviews war Glaube in Deutschland. Mehr als ein Drittel der Deutschen sind konfessionell ungebunden. Diese Zahl ist sehr hoch im Vergleich zu anderen Ländern, z.B. sind in Norwegen mehr als 90 % der Bevölkerung Mitglieder der Staatskirche. Ich interessierte mich deshalb dafür, die Gründe dieser niedrigen Zahl herauszufinden, und vor allem die Haltung der katholischen Kirche in Deutschland dazu.
Herr Bezikhof erwähnte zunächst als Grund die Tatsache, dass in Deutschland die Kirchensteuer nur für Mitglieder der Kirche zu bezahlen ist. Die Steuer macht 1 % des Einkommens aus, was nicht wenig ist, besonders wenn man gut verdient. In Norwegen hingegen bedeutet Austritt aus der Kirche keinen ökonomischen Gewinn, was dazu führt, dass nur diejenigen, die besonders kritisch der Kirche gegenüber stehen, sich die Mühe damit, sich  abzumelden, machen.
Aus geschichtlicher Sicht spielt hier natürlich die DDR eine besondere wichtige Rolle. Die antikirchliche Haltung des DDR-Staates bedeutet, dass die Eltern allein, ihre Kinder christlich erziehen mussten – ohne Hilfe vom Religionsunterricht in der Schule oder gesellschaftlichen Erwartungen von Taufe und Firmung. Die katholische Kirche hatte auch Probleme mit der eigenen Organisation im geteilten Deutschland, da die Staatsgrenze den Grenzen der Bistümer nicht entsprach. 
Die DDR und Kirchensteuer können als materielle Gründe der abnehmenden Mitgliederzahl der Kirche bezeichnet werden. Als Student der Philosophie und Geistesgeschichte interessierte mich aber vor allem die Änderungen im Denken und Einstellung der Deutschen gegenüber Religion und Kirche. Herr Bezikhof sprach viel von dem zunehmenden Individualismus in der heutigen Religiosität. Seiner Ansicht nach bedeutet die abnehmende soziale Bindung der Kirche keineswegs, dass Religion für die Deutsche heute unwichtig ist. Die religiöse Suche bleibt, aber erscheint durch neue Formen. So haben individuelle Anschauungen, die aus Elementen sowohl von der östlichen Tradition als auch von unseren eigenen bestehen, die Glaube an die kirchliche Lehre ersetzt. Herr Bezikhof stellte sich natürlich kritisch demgegenüber, aber war auch der Meinung, dass sich die Kirche die neue Zeit anpassen muss. In Kiel hat man dies u.a. durch die Etablierung von sogenannten geistlichen Zentren gesucht; hier werden über spirituelle Fragen geredet und Meditationskurse werden angeboten. Diese sind sehr gut angenommen. Außerdem gibt es in der Nähe des Rathauses ein City-Pastoral, wo man mit dem Pfarrer sprechen kann. Herr Bezikhof hob aber hervor, dass die Kirche sich auch nicht den Zeitgeist anbiedern kann und damit ihre Identität und Eigenart aufgeben.
Die Diskussion über die Bedeutung der Tradition versus des Gewissens des Einzelnen geht  auch in der Kirche selbst vor. Konkret zeigt sich dies z.B. dadurch, dass einige Pfarrer Wiederverheiratete zum Abendmahl gehenlassen, obwohl diese Praxis der offiziellen kirchlichen Lehre widerspricht. Herrn Bezikhof zufolge sind die Theologen in Deutschland viel liberaler als jene der romanischen Länder. Dies kommt u.a. zum Vorschein in ihrer Stellung zu Sexualethik, Zölibat und weiblichen Pfarrern. Während eine Pfarrerin in z.B. Italien und Spanien unvorstellbar ist, lässt es sich unter vielen deutschen katholischen Theologen gut denken. Herr Bezikhof lehnte bestimmt ab, dass es theologische Argumente dagegen gibt und sah Jesus Christus vielmehr als Revolutionär in seinem Verhalten zu Frauen. Er studierte selbst unter dem neuen Papst und sieht ihn als einen guten Menschen, aber äußerte sich im Interview kritisch gegenüber seinen konservativen Ansichten. Der Nachwuchs von Pfarrern ist jetzt sehr schlecht in Deutschland und eine Aufhebung der Zölibatvorschrift wird in der Zukunft wahrscheinlich notwendig werden.
Herr Bezikhof kam mir durchgehend als liberaler vor als ich mich vorgestellt hatte. Die kritischen Fragen (z.B. über dem Verbot gegen Kondomen), die ich vorbereitet hatte, wurden überflüssig, indem er sie vorgriff. Ich erfuhr, dass die Meinungen innerhalb der Kirche vielfältig sind und dass man nicht notwendigerweise mit dem Papst einig sein muss, um Pfarrer in der Kirche zu sein. Nach dem Interview sprachen wir auch ungefähr eine Stunde über Philosophie und die Beziehung zwischen Religion und Naturwissenschaft, und obwohl er mich keineswegs ganz zu überzeugen vermochte, zeigte er, dass die stolze Tradition der katholischen Geistesleben gar nicht jetzt so tot ist wie meine Vorurteile besagten.

Halvor